N-dimensionale Entscheidungen

Immer wieder müssen komplexe Entscheidungen getroffen werden: Was sind die 10 besten Werkzeuge, welche Applikationen sind am ehesten outsourcebar, welche Supplier die geeignetsten. Diese Entscheidungen werden nicht auf Basis eines Merkmals, sondern auf Basis einer Vielzahl von Merkmalen getroffen. Die Internetseite art.sy z.B. nimmt nun solche multivariaten Daten, um den Geschmack von Bildern zu berechnen und mir bei der Entscheidung beim Kauf eines Kunstwerkes zu helfen. Was wir als Tester davon lernen können….

Ok, zuerst die Theorie…n Dimensionen kann man sich nur so verdammt schwer vorstellen. Von daher fangen wir mit 1 Dimension an:

  • Man stelle sich eine X-Achse vor (das ist die eine Dimension), auf der eine Gruppe von 100 Personen die Körpergröße auftragen. Kleine Personen werden ihren Strich auf der Achse bei z.B. 150cm machen, große bei z.B. 200cm. Wenn nun die Frage auftaucht, welche Personen in einem Karussell mitfahren dürfen, das den Hinweis trägt (größer als 1,60 und kleiner als 190) dann ist die Lösung einfach zu ermitteln: Man kann z.B. mit einem Zirkel die Mitte des Intervalls 1,60 und 190=175 suchen und dann einen Kreis mit dem Radio 15cm malen. Jeder Mensch, der innerhalb dieses Kreises ist, darf in das Karussell…jeder außerhalb eben nicht. Solche Entscheidungen sind eindimensional. Ein Beispiel aus der IT: Bestimme die innerhalb einer Budget-Grenze zur Verfügung stehenden Tools.

Jetzt kommen zwei Dimensionen:

  • Man stelle sich ein 2D-Koordinatensystem vor: Auf der X-Achse ist der Längengrad aufgetragen (von West nach Ost) und auf der Y-Achse der Breitengrad (von Nord nach Süd). Helsinki wird in diesem Koordinatenkreuz z.B. oben rechts von Köln liegen. Letztlich ist eine Landkarte genauso aufgebaut. Wenn nun die Frage aufkommt: Welche Orte liegen im 500km Radius von Hamburg, dann ist die Lösung wiederum einfach zu ermitteln: Zirkel mit der Mitte auf Hamburg, Radius 500km einstellen und Kreis machen. Köln ist drin, Helsinki nicht. Das läßt sich aber auch mathematisch lösen, in dem für jede Stadt die Distanz zu Hamburg ermittelt wird. Dafür addiert man die quadrierten Differenzen beider Städte pro Dimension: Also das Quadrat der Längengradsunterschiede + das Quadrat der Breitengradsunterschiede. Dadurch kann man den Abstand ermitteln (bzw. genauer: das Quadrat des Abstands).

Als letztes noch 3 Dimensionen: Funktioniert wie auf der Landkarte, nur eben mit einer dritten Dimension für die Tiefe (z.B. im Raum des Universums). Auch hier kann man dann Fragen beantworten wie: Welche Planeten liegen innerhalb des Abstands von 1 Mio. Km vom Mond. Hier kommt dann schon ein dreidimensionaler Zirkel zum Einsatz.

Das Konzept ist aber viel generischer: So erzeugt die Internetseite art.sy aktuell einen 250-dimensionalen Raum, in dem alle Kunstbilder eingetragen sind. Der Firmengründer dazu in der Zeit vom 7.7.2011:

“Jedes Kunstwerk besetzt einen Raum in einem 250-Dimensionen Raum. Wenn ein Benutzer eine Anfrage macht, etwa: “Ich mag Blau, Interieure, und mein Lieblingskünstler ist Andy Warhol”, ordnet das System diese Anfrage einem bestimmten Punkt zu. […] Dann sucht es den Raum ringsherum nach den am nächsten gelegenen […anderen Bildern] ab”

Die Idee ist also eine Suchmaschine, mit der man Werke findet, die man mag, ohne sie direkt gesucht zu haben.

Dies Konzept ist aber noch viel generischer: Der eigentlich kreative Akt ist die Identifikation der relevanten Dimensionen. Aber als Qualitätsmanager sind wir das Arbeiten im mehrdimensionalen Raum ja gewöhnt. Als Beispiel sei hier die immer wieder akute Frage nach “welches Tool ist das beste” erklärt:

  • Als QM erhebt man die Requirements. Es gibt z.B. Anforderungen an den Preis, an die Funktionalität, an die technischen Voraussetzungen, an den Zulieferer, an den Support, an Schnittstellen usw. Das alles sind potentielle Dimensionen! Keine Angst vor zu vielen Dimensionen! Es ist nachher nur noch Mathematik.
  • Optional kann man die Dimensionen gewichten (vielleicht ist die Preisdimension ja besonders wichtig)….fließt nachher aber nur in de Mathematik ein.
  • Nun ermittelt man für jedes in Frage kommende Tool die Werte an den einzelnen Dimensionen: Wie teuer? Wieviel Prozent der Funktionalität ist erfüllt? Wieviel Prozent der technischen Voraussetzungen ist erfüllt usw. Das Ergebnis ist wie bei art.sy ein n-dimensionaler Raum, in dem jedes Werkzeug eindeutig positioniert ist.
  • Nun sucht man sich in dem Raum das perfekte Werkzeug (das es so nicht geben wird….aber man wird sich ja noch was wünschen dürfen): Kostet nix, erfüllt alle Anforderungen, perfekter Service und so weiter.
  • Ausgehend von diesem perfekten Tool sucht man nun das dicht gelegenste Tool im n-dimensionalen Raum…ist reine Mathematik. Das kann man für alle Werkzeuge machen und man hat eine einfache Entscheidungsliste: Das ist das beste Werkzeug (gemessen an ALLEN Anforderungen) und das ist das schlechteste (wieder gemessen an ALLEN Anforderungen).

Wann immer mehr als ein Parameter wichtig für Entscheidungen ist kann man diese Technik verwenden. Und da sie relativ einfach anzuwenden ist, kann sie für eine wichtige Entscheidung immer zu rate gezogen werden. Man möge selbst klären, für wie verbindlich das Ergebnis genommen wird. art.sy meint vollmundig: “Die Schönheit des Systems besteht darin, dass die Algorithmen besser wissen als du selbst, was dir gefällt”.

Ich habe da meine Zweifel, schließlich gibt es noch Aspekte zwischen Himmel und Hölle, die vielleicht nicht unbedingt rational erfassbar sind….aber als Vorselektion ist diese Technik durchaus geeignet. Die finale Entscheidung sollte das Ergebnis berücksichtigen, kann aber durchaus von eher unscharfen Parametern noch feinjustiert werden.

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