Viele Denkansätze des Testens und des Qualitätsmanagements finden sich auch in der Kunst wieder. Interdisziplinäres Denken und Arbeiten kann dadurch helfen, gemachte Erkenntnisse in den eigenen Bereich zu migrieren. Steampunk ist so eine Kunstrichtung…und die Beschäftigung damit hilft uns, die (möglichen) Schwächen des eigenen Handelns zu erkennen. Ein Grundsatz des Steampunks ist z.B. “Love the machine, hate the factory”…ein Anti-Pattern des Testers!
Ich kannte die Kunstrichtung “Steampunk” nicht, bin ich ehrlich. Aber nachdem sowohl im SPIEGEL (Die wundersame Welt der Steampunks) als auch in der ZEIT (No. 52, vom 22.12.2011: “Steampunk-Strömung: Die Zukunft ist längst vergangen”) davon berichtet wurde, habe ich mich damit mal näher befaßt:
In beiden Artikeln heißt es dazu (übrigens ziemlich gleich formuliert): Ästhetisch befassen sich Steampunks mit der Idee, wie die heutige Welt aussähe, wenn Dampf statt Elektrizität sie in Bewegung hielte. Wenn nicht nur Eisenbahnen mit Dampfmaschinen angetrieben würden, sondern auch Computer, Raumschiffe und Luftfahrzeuge. Wenn überall dort Messing und Kupfer zu finden wäre, wo heute Plastik drinsteckt. Wenn also die Welt sich nur sehr punktuell weiter entwickelt hätte, an anderer Stelle aber völlig stehen geblieben wäre.
Was hat das mit Testen und Qualitätsmanagement zu tun. Die dahinterliegende Motivation ist spannend: Die Begeisterung gilt der Maschine im Einzelnen, nicht aber der Automatisierung und Industrialisierung von Abläufen. Die eine Maschine immer weiter zu perfektionieren, dabei aber das Große und Ganze, über das die Maschine eingebunden ist, ignorieren. Ein markiger Spruch des Steampunks lautet daher auch “Love the machine, hate the factory”.
Und dieses Muster kennen wir: Wieviele Tester arbeiten stunden- oder tagelang an der Professionalisierung und Anhübschung des einen Test-Reports, der einen Excel-Tabelle oder der einen PowerPoint-Folie. Unglaubliche Aufwände können in punktuelle Ergebnisse fließen, wie eben beim Steampunk. Und was ist das Ergebnis solcher punktuellen Optimierungen? Wie formuliert es der Spiegel: “schön und nutzlos” !
Dabei wird das Große aus den Augen verloren, sei es, weil es “nicht schön” ist, oder weil es außerhalb meiner eigenen Reichweite liegt. Dabei liegt genau in dem übergeordneten Prozess der Gesamtzweck:
- Der Test-Report hat das übergeordnete Ziel, eine Sicht auf den aktuellen Test-Stand zu bieten.
- Die systematische Testfallermittlung hat das übergeordnete Ziel, Testendekriterien zu besitzen und Testfälle wartbar für den gesamten Lifecycle zu haben.
- Testen hat das übergeordnete Ziel, dem Projektmanagement fortwährend einen Einblick über die Qualität des erstellten Systems zu geben.
- Projektmanagement (für IT-Entwicklungsprojekte) hat das übergeordnete Ziel, mit geplantem Aufwand, Zeitfenster und Qualitätsanspruch ein IT-System zu erzeugen.
- Ein System hat das übergeordnete Ziel, das Business mit entsprechender IT zu unterstützen.
- Etc.
Von daher (lessons learned): Ohne “love the machine” geht’s nicht, denn Testen geht nur mit Enthusiasmus! Aber “hate the factory” sollten wir den Künstlern überlassen, wir müssen auch das Große Ganze sehen und fördern:
Love the machine to support the factory!













2 Kommentare
Hi!
Bin durch Zufall auf diesen Blogeintrag gestossen. Als langjähriger Tester, kurzzeitiger Projektleiter, immer wieder kehrender Releasemanager kenne ich beide Seiten.
Einerseits die des Maschinenbauers und andererseits die des Fabrikbesitzers (um bei der genannten Analogie zu bleiben). Beides ist im Gesamtkontext wichtig, aber für beide gilt: besser 80/20 Regelung als 100% kein Ergebnis.
Klar kann ein Testreport nicht nur nackte Zahlen beinhalten, er kann bis zu einer aufwändigen Infographik alles mögliche sein. Aber was zählt denn wirklich? Im Gegensatz zur Steampunk Community, die jedes (und vor allem) detailreiche Stück von allen Seiten betrachtet, den Aufwand dahinter schätzt und die Ausführung lobt, ist im Test und Projektgeschäft (zu dem ich auch Releases zähle) vor allem der aktuelle Stand in der jetzigen Minute/Sekunde wichtig.
Ich muss mit dem Report einen Standpunkt und einen Anhaltspunkt liefern, ich muss mit dem Statusreport eine Zielerreichung und gleichzeitig einen Ausblick geben. Um den Ganzen noch ein extra Schauferl Aufwand hinzuzufügen, sollte dies so zeitnah wie möglich passieren – da ist kein Augenblick für ein Detail mehr möglich. Niemand wird die Ränder um die Balken im ppt bemerken, denn morgen sieht die Sachlage wieder anders aus. Niemand sieht die drei Stunden Liebe und Detailverbesserung im Steering Committee, weil die Zeit eng bemessen und gedrängt ist. “Rot, Gelb oder Grün?” sind die einzigen Gradmesser und deshalb ist die Ausführung im Artikel gut und schön, wirkt mir aber ein wenig zu gewollt und praktikabel dann doch eher nicht.
Keine Sorge, ich liebe den Blick über den Tellerrand und auch selbst habe ich die Befriedigung verspürt, einen Report, eine Systemlandschaft und anderes so darzustellen, dass sowohl Auftraggeber als auch Publikum verwundert und begeistert waren. In diesem Punkt sind wir wieder bei der Begeisterung für phantastische Details im Steampunk angelangt. Irgendwie lässt sich der Kreis doch schliessen, aber die Schlussfolgerung im Blogeintrag scheint nicht kongruent zu sein.
So wünsche ich noch einen schönen Abend und eine erfolgreiche Restwoche,
Joe Gstettner
Sehr treffende Analyse und gut gezogene Parallele, Herr Dr. Stein. Ihr Schlussatz fast es sehr gut zusmammen, und als Steampunk-Enthuisiast kann ich “Love the machine to support the factory!” voll unterstützen.
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[...] das klingt erstmal seltsam. Macht aber mehr Sinn im Kontext von Überlegungen die Dr. Frank Simon hier anstellt. Interessanter als diese Überlegungen ist für uns Steampunks aber sich die Frage wo user [...]
[...] Hmmm.. Clockworker hat auch schon darüber gepostet, was soll’s. Das ist einfach zu bemerkenswert, dass ich es nicht auch erwähne. Herr Dr. Simon von Corporate Blogs zieht analysiert hier den Steampunkansatz bei Testreports. [...]