In Blogs darf man auch das: Völlig subjektiv und ohne jedweden Anspruch auf Vollständigkeit oder Unabhängigkeit einen Erfahrungsbericht über mein neues Smartphone. Nur soviel (als lessons learned): Das subjektiv empfundene Qualitätsempfinden eines Produktes kann alleine deswegen negativ sein, weil die Anforderungen, die offensichtlich an ein Produkt gestellt worden sind, vom Nutzer nicht geteilt werden. Etwa frei nach dem Motto: Eine aus Sicht eines Gefängniswärters GUTE Zelle muss eben dem Häftling noch lange nicht gefallen!
Als Forscher und Innovator muss man allem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein, schließlich kann sich hinter jedem Hype tatsächlich Innovatives und Wertvolles verstecken. Nach Windows 6.5, Nokia Symbian und Android nun also ein neues Smartphone. Den Namen möchte ich nicht zu sehr breittreten…nur so viel: Wenn ein ehemaliger Stiefelhersteller einem großen Softwarehersteller helfen soll, den verlorenen Marktanteil im Smartphone-Bereich zurück zu erobern, dann kommt so etwas raus, womit ich mich das letzte Wochenende beschäftigt habe.
Also auspacken und einschalten. Tolle Haptik, schönes Display. Nach kurzer Selbstdarstellung des Handys die Frage nach meiner Live-ID. So was habe ich natürlich nicht…ohne geht’s aber gar nicht weiter. Das Smartphone zwingt mich, mich zu registrieren!
Also eine Live-ID erzeugt. Funktionierte alles auf dem Smartphone, d.h. es war kein Laptop oder Desktop-Rechner notwendig. Dann Anmeldung mit den Live-ID-Daten…und der erste schwergewichtige Usability-Fehler: Ich habe mindestens 3 mal Live-ID und Passwort eingetragen, was jedes mal mit “ungültige Live-ID” quittiert wurde. Eine Live-ID besteht üblicherweise aus Name@live.com. Tippt man in das Eingabefeld, wird auch eine Tastatur eingeblendet, inkl. des @-Zeichens….zumindest könnte man das glauben. Tatsächlich handelt es sich nicht um ein @-Zeichen, sondern um ein Smiley-Zeichen (
). Ich habe also Name:-)live.com eingegeben, was definitiv falsch ist. Ein typischer Usability-Fehler….und für mich als “älteren” Nutzer mit “älteren” Augen schon ärgerlich.
Weiter geht’s: Mit Live-ID bewaffnet fragt mich das Gerät nach einer Zune-ID, damit ich auch Musik hören kann. Spätestens jetzt merkt man den Paradigmen-Wechsel bei den SmartPhones: Ich bin Teil eines großen, weltumspannenden Netzes, in dem meine Daten irgendwo liegen. Keine Chance, Daten dezentral nur in meinem Handy zu lagern. Also auch auf Zune angemeldet (geht dann aber mit denselben Daten wie für die Live-ID).
Und nun noch Software installieren: Von wo? Es geht nur von einem einzigen Marketplace aus, dem Marketplace des Betriebssystemherstellers. Das kennt man von Apple: Wenn Apple eine App nicht mag, gibt’s die auch nicht. Selbiges Verfahren greift nun auch bei anderen Herstellern. Markeplace fragt mich natürlich nach meiner Live-ID (Achtung, keine smileys eingeben!) und nach meinem Alter. Da ich mein Alter für sehr privat halte gebe ich als Geburtsdatum gestern ein. Und schon sehe ich alle Applikationen….viele Applikationen. Allerdings wird jeder Download damit quittiert, dass ich im Marketplace nichts installieren darf, da ich als Kind eingestuft bin
. Änderungen am Alter kann ich allerdings nach Aussage meines Handies nur auf dem Desktop-Rechner vornehmen. Und tatsächlich: Dieselbe Internet-Adresse führt auf dem Smartphone zu einer Fehlermeldung, wohingegen ich auf dem Desktop-Rechner die Möglichkeit bekomme, mein Alter richtig zu stellen (bin jetzt knapp über 18).
Also Skype installiert…läuft auf Anhieb. Damit wollte ich auch Alt-Dateien von meinem alten Phone auf’s neue übertragen….doch Skype für mein Betriebssystem unterstützt keine Datenübertragung!!! Das ist explizit nicht geplant!!! Als Techniker kennt man den Bypass über Bluetooth…doch auch dort: Explizit nicht geplant! Vielleicht irgendwelche File-Explorer, die da was können? Es gibt keinen einzigen File-Explorer für dieses Phone…weil sich gar keine Daten auf dem Phone befinden….und eben auch nicht befinden sollen! Wenn ich Daten haben will, muß ich mir ein Cloud-Konto mit meiner LiveID auf Skydrive einrichten; und für die Cloud gibt’s dann ein Cloud-Explorer. Sieht nicht anders aus als ein File-Explorer, aber die Daten sind eben in der Cloud!
Wie jetzt also z.B. einen Klingelton ändern? Direkt auf’s Handy? Fehlanzeige! Die einzig arbeitende Alternative: Das entsprechende MP3-file Zune zugänglich machen, dann Zune synchronisieren lassen mit der Cloud, dann dort als Eigenschaft Ring-Tone auswählen und schon bekommt man das MP3-File als Auswahlmöglichkeit.
Spannend dann noch die Frage nach einem Backup-Programm: Es gibt keines und es wird auch keines geben, da eh keine Daten auf meinem Smartphone liegen! Wenn ich ein neues Handy habe gebe ich meine LiveID, meine ZuneID, meine SkydriveID, meine XBOXID (für Spiele) und meine MarketplaceID an und schon ist das neue Handy wie mein altes (warum ich diese unterschiedlichen Plattformen alle kennen muß, bleibt mir ein Rätsel). Im Netz gibt es unzählige Diskussionen darüber, dass dieses Konzept zwar funktioniert aber eben gerade die SMS nicht mitsichert….aber das halte ich für eine Randerscheinung, beim Rest funktioniert das einfach.
Fazit: Ist das Handy gut? Ist das Betriebssystem gut? Ich mag ganz subjektiv die Bevormundung nicht, bestimmte Plattformen nutzen zu müssen! Meine Anforderungen sind aktuell andere, von daher war ich e r s t e i n m a l unzufrieden. Aber ich verstehe die Vorteile dieses neuen Paradigmas: Mein Handy ist jetzt erst einmal relativ sicher: Keine Daten direkt via Bluetooth, Skype oder irgendwie anders: Alle Daten über zentrale Strukturen, die erst einmal alles auf Schadsoftware untersuchen können. Mein Handy ist fest in unserem Unternehmen verankert…ein Klick (z.B. nach einem Verlust) und alle Daten werden auf dem Handy gelöscht! So lassen sich business-kritische Daten sicher schützen! Auch diese Anforderungen verstehe ich…und vermutlich dominieren diese den Markt. Und mit jedem weiteren Tag der Benutzung freunde ich mich mehr und mehr mit diesem Paradigma an. Anforderungen können sich eben ändern…auch auf Nutzerseite. Jeder Nutzer befindet sich damit in einem Änderungsprozess, der üblicherweise über die folgenden Stufen verläuft:
- Schock: Zuerst einmal ist man geschockt, dass es eine derartige Innovation gibt.
- Negation: Die Innovation muss doof sein, es hat immer schon anders funktioniert, ich bin im Recht, die anderen sind doof.
- Enttäuschung: Man erkennt, dass das eigene, alte, die Innovation verneinende Einstellung nicht weiter führt. Man ist schwer enttäuscht.
- Integration: Nach und nach nimmt man die Innovation an und integriert sie ins tägliche Handeln.
Also, neben unzähligen Accounts und unterschiedlichsten Orten, an denen nun alle meine Daten liegen bin auch ich diesen Änderungs-Weg gegangen: Und jede Phase hatte ihr eigenes Qualitätsempfinden: Von “wo ist das neue”, über “ich schmeiss das gleich weg” und “wer soll so etwas bitte kaufen” bin ich mittlerweile in einem “einige Konzepte sind gar nicht so schlecht” und “das möchte ich länger probieren” angelangt.
Das alles hat natürlich primär mit der Evaluierung der Anforderungen, die die Entwicklung getrieben haben, zu tun. Zur Verifikation, also der Überprüfung, ob die Anforderung funktionieren, kann ich nur sagen: Das Phone ist mir während der ganzen Zeit kein einziges Mal abgestürzt oder hat sonst wie offenbar chaotisch reagiert. Nicht schlecht!












